Risiken erkennen und vermeiden
Vereinbarung zur Arbeitsschutzpolitik
/ Interview mit Günter Sager
Volkswagen hat sich einen weltweiten
Rahmen für Arbeitsschutz gegeben. Welt-Konzernbetriebsrat
und Vorstand haben in Brüssel eine „Vereinbarung
zur Arbeitsschutzpolitik“ unterzeichnet. „autogramm“
sprach darüber mit Günter Sager, Hauptsicherheitsingenieur
der Volkswagen AG.
Seit Jahren
erzielt der Arbeitsschutz bei Volkswagen gute Erfolge, die
Arbeit wird für die Mitarbeiter immer sicherer. Warum
braucht der Volkswagen-Konzern jetzt eine Arbeitsschutzpolitik?
Zunächst einmal: Arbeitsschutz heißt, Unfallrisiken
zu erkennen und zu vermeiden, Berufskrankheiten zu vermeiden
und Belastungsfaktoren zu minimieren. Dazu gehören zum
Beispiel Lärmschutz, ergonomische Arbeitsplätze
und Seminare für sicherheitsbewusstes Verhalten. Mit
der jetzt unterzeichneten Vereinbarung dokumentieren wir unsere
Absicht, die europaweit bereits gelebten Strukturen im Arbeitsschutz
in allen Ländern einzuführen, die im Welt-Konzernbetriebsrat
vertreten sind. Als weltweit tätiger Konzern benötigen
wir solche „Leitplanken“ in wichtigen Grundsatzfragen.
„Wir pflegen das
Netzwerk und bauen es aus“
Werden
die deutschen Arbeitsschutz-Standards jetzt zum Maßstab
für Konzern-Gesellschaften rund um den Globus?
Es ist nicht unser Ansatz, deutsche Standards 1:1 zu übertragen,
das wollen und können wir nicht. Aber wir können
wichtige Eckpunkte als Orientierung vorgeben, um ein gutes
Niveau zu erreichen. Zu solchen Steuerungsgrößen
im Arbeitsschutz gehören eine vernünftige Organisation,
eine Orientierung an den Prozessen, eine gute Qualifikation
der Belegschaft und eine funktionierende Kommunikation.
Wie stellen Sie sicher, dass
zum Beispiel ein Standort in Südamerika von Erkenntnissen
der Audi-Sicherheitsingenieure in Ingolstadt profitiert? Und
umgekehrt?
Am wichtigsten ist der direkte Kontakt der handelnden Personen.
Die bringen wir in einem Netzwerk zusammen, das wir ständig
pflegen und ausbauen. Aus den Regionen kommen Mitarbeiter
zur Schulung nach Deutschland, umgekehrt schicken wir Mitarbeiter
in die Standorte im Ausland. Neben diesem Personalaustausch
verfügen wir über bewährte Mechanismen, über
die wir gezielt informieren.
Welche denn zum Beispiel?
Wir wissen, dass fast 70 Prozent der Unfälle verhaltensbedingte
Ursachen haben. Deshalb haben wir ein Projekt „Selbstsicher“
ins Leben gerufen und an unseren Standorten in Europa eingeführt.
Dieses Projekt bieten wir in allen Konzernsprachen weltweit
an.
Vertrauen ist gut, Kontrolle
ist besser. Wie kontrollieren Sie die Einhaltung der neuen
Regeln?
Einer der zentralen Punkte ist, dass eine Berichterstattung
an den Vorstand geht. Bei unserem „Jahresgespräch
für Arbeitsschutz“, an dem Mitglieder des Vorstandes
und der Betriebsratsvorsitzende teilnehmen, diskutieren wir
Ergebnisse und neue Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes.
Das unterstützt uns bei der fortlaufenden Verbesserung
der Prozesse.
Prozesse?
Ja, wir brauchen nicht immer mehr Schutzgitter, sondern müssen
die Arbeitsprozesse so klug hinbekommen, dass wir möglichst
keine Schutzgitter brauchen. Das ist moderner Arbeitsschutz.
Jeder weiß, dass der Volkswagen-Konzern
unter massiven Kostenproblemen leidet. Bringt die neue Arbeitsschutzpolitik
nicht zusätzliche Belastungen, die unsere Autos weiter
verteuern?
Eindeutig nein. Im Gegenteil: Sie sparen immer, wenn Sie Unfälle
vermeiden. Aber Sie sparen noch mehr, wenn Sie Prozesse so
gestalten, dass Risiken vermieden und Arbeitsabläufe
optimiert werden. Dieser Ansatz entspricht genau dem Leistungssteigerungsprogramm
ForMotion. Und es kommt noch eines hinzu: Wir nutzen Synergien
weltweit. Wenn wir irgendwo eine kluge Lösung haben,
übertragen wir die auf die anderen Standorte. Auch das
spart Kosten. Sie sehen: Unsere Arbeitsschutzpolitik passt
zu hundert Prozent in die Zeit. -rg-
|
Von
Klaus Volkert,
Präsident des Weltkonzernbetriebsrats.
Die Erklärung zur internationalen Arbeitsschutzpolitik
bei Volkswagen ist weit mehr als ein symbolischer Akt. Denn
sie verpflichtet weltweit alle für den Arbeitsschutz
Verantwortlichen zu einer permanenten Verbesserung und zur
Erreichung der besten Standards und vorbildlichsten Prozesse
im VW-Konzern. Damit wird auch international einer Erkenntnis
zum Durchbruch verholfen, die wir an den deutschen Standorten
schon seit längerem gewonnen haben: Ein aktiver und gestaltender
Arbeitsschutz darf nicht vordergründig unter Kostengesichtspunkten
betrieben werden, sondern muss dem Leitbild wirtschaftlicher,
ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit folgen. Auf
dieser Grundlage vermeidet ein vorbeugender Arbeitsschutz
Kosten, sichert eine hohe Qualität und verbessert die
Arbeitsbedingungen. Auf dieser Grundlage können bei Volkswagen
alle Beschäftigten den besten Arbeitsschutzstandard beanspruchen,
sind aber auch gefordert, bei dessen Zieldefinition und Umsetzung
aktiv mitzuwirken. Die soziale Verantwortung des Unternehmens
und die Eigenverantwortung des Einzelnen gehen somit Hand
in Hand und leisten in dieser Verbindung einen Beitrag zur
Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit. Damit verzichtet
der VW-Konzern bewusst auf einen konzerninternen Dumpingwettbewerb
zu Lasten notwendiger Investitionen und Maßnahmen für
den Arbeitsschutz. |